Yachtmaster Teil 2

Freitag Nachmittag – warten auf den Prüfer

Die vergangenen Tage waren intensiv. Sicher deutlich intensiver als es sich die Yachtmaster Anwärter vorgestellt hätten.

Der Tagesablauf war fast immer ähnlich. Aufstehen, Tee kochen – wir sind immerhin an Bord einer englisch geführten Yacht… Dann ausgiebige Kartenarbeit unter Deck mit Bestimmung der Gezeitenverhältnisse im Englischen Kanal, Passageplanning usw. 

Am frühen Mittag Auslaufen, meistens zum Manövertraining im Hafen. An- und ablegen, längsseits, mit Heck zur Pier, Eindampfen mit Vorspring oder Achterspring – das volle Programm. Nach einer kurzen Pause dann raus aus dem Hafen zum Segeltraining. Wenden, Halsen, Beidrehen – allein mit dem englischen Boje-über-Bord Manöver unter Segeln hab ich so meine Schwierigkeiten. Dabei wird sofort, nachdem die Boje ins Wasser gefallen ist, das Vorsegel weggerollt. Das bringt zwar Ruhe ins Schiff, verschlechtert aber die Segeleigenschaften dermaßen, daß ein Aufnehmen der Boje auf den ersten Versuch nur selten klappt.

Bei den Engländern hat man aber, anders als bei den deutschen Prüfungen die Wahl, welches Manöver man bevorzugt. Mein Rettungsmanöver der Wahl ist und bleibt das Quickstop Manöver. Sofort wenden, Vorsegel back stehen lassen, Motor an und im beigedrehtem Zustand auf die Boje langsam zusegeln. Jedem das Seine. Nach dem Abendessen ging es dann regelmäßig noch einmal in die Bucht von Palma um die Navigation bei Nacht zu üben. Kennungen identifizieren, peilen – einfach alles was dazugehört. Nun war er da, der Freitag an dem sich alles entscheiden sollte.


Warten auf den Prüfer, der extra für die Prüfung aus England anreist

Da war er, Steve, ca. Ende 50, Typ ergrauter englischer Kapitän. 

Freundliche Begrüßung, Vorstellung und etwas Smalltalk… „Well Gentlemen, first, let´s do the Paperwork and then prepare for a Night out, Sailing in the Bay of Palma.“

Die beiden Segler Andy und Gerry, beide bestens vorbereitet, holten Ihre geordneten Anmeldeunterlagen hervor. Passfotos, Seemeilenbestätigungen, Anträge, erste Hilfe Nachweise – genau so, wie Tony es ihnen empfohlen hatte. Anders war es bei Rob mit seiner losen Zettelsammlung. Und prompt fehlte etwas. Rob musste nun losziehen und jemanden finden, der ihm eine Kopie machte. Was für ein schlechter Start für ihn! Aber für ihn sollte es noch schlimmer kommen…

Andy´s erste Aufgabe war es, die Crew und das Schiff für das Ablegen bereit zu machen, uns von Palma aus bis in die Bucht von Magaluf zu bringen und dort auf genau 7m Wassertiefe zu ankern. Gerry´s Aufgabe war, dort die Schiffsführung zu übernehmen und uns in den Hafen von Arenal zu bringen. Dort sollte Rob übernehmen und uns wieder zurück nach Palma bringen. Eine Aufgabe, so umfangreich, daß sie uns sicher die halbe Nacht beschäftigen würde. Die Nutzung des GPS war nicht erlaubt – also peilen, peilen, peilen. Schon auf den ersten Seemeilen wurden die angehenden Yachtmaster ausgiebig befragt. 

Was bedeutet das Schallsignal, das wir gerade gehört haben? Welche Bedeutung hat dieses und jenes Licht? Welche Kennung und Bedeutung hat dieses Seezeichen? usw…

Andy und Gerry hatten viele gute und richtige Antworten. Rob zeigte erste Schwächen bei den Schallsignalen. Die Ansteuerungen der Buchten und Häfen verlief problemlos, alle waren durch die Nachtfahrten zuvor bestens mit der Gegend vertraut. Höhepunkt der Nacht war, ca. um 2 Uhr Morgens, als es Rob´s Aufgabe sein sollte uns zurück nach Palma zu bringen. Easy Job – der Hafen ist hell erleuchtet. Übereifrig, in der Hoffnung seine Schwächen von zuvor auszugleichen, gab er Anweisungen zu unnötigen  Kurskorrekturen, machte wirre Bemerkungen und holte sich sogar die Seekarte an Deck. Alles war ein bisschen zu dick aufgetragen und so machte er den Prüfer skeptisch. Daraus entstand eine Unterhaltung, in der Rob die Meinung vertrat, daß die Arbeit mit der Seekarte für ihn nicht mehr zeitgemäß ist, er fahre ausschließlich mit GPS. Das GPS ist verlässlich und damit kennt er sich bestens aus. Der Arme redete sich um Kopf und Kragen. Der Prüfer, ganz Gentleman, lies Rob ausreden und sagte: „Stimmt, da hast Du vollkommen recht. Also lass uns über GPS reden. Meine Frage: was bedeutet es, wenn dein GPS im Display XTE anzeigt?“ Bang! Stille. Rob, der vorher noch nie von einem „Cross Track Error“ gehört oder sich dafür interessiert hat, hatte zu hoch gepokert. Das war´s für ihn. Ohne, daß ein weiteres Wort fiel war jedem an Bord klar, daß er nun durchgefallen war. Außer Rob, der später im Hafen zu mir meinte: I am still i the Race…!

Am nächsten Morgen wurde wieder ein bisschen Kartenarbeit gemacht, Gezeitenaufgaben gestellt und Hafenmanöver gefahren.

…unser armer Rob meinte noch immer, daß er am Vortag genial gute Leistungen gezeigt hat und hat sich auch nicht im geringsten gewundert, daß der Prüfer nur noch ausschließlich Fragen an die beiden anderen gerichtet hat. Der Prüfungstag endete mit einer ausgiebigen Nachbesprechung mit der ganzen Crew und mit langen Einzelgesprächen mit den Teilnehmern.

Zwei glückliche neue Yachtmaster saßen am Ende beim Bier mit mir und Tony zusammen. 

Rob war inzwischen klar geworden: It takes more to be a Yachtmaster.

Herzlichst, Ihr, Euer,

Frank Siebenhofer