Yachtmaster Teil 1

Ein Erfahrungsbericht und Vergleich zwischen der deutschen und der britischen Yachtausbildung

Nur wenn man über den Tellerrand hinausblickt, sich mit anderen vergleicht, kann man feststellen, was man vielleicht selbst ganz gut, andere aber möglicherweise noch besser machen. Genau das versuche ich seit meinem ersten Besuch in England im Jahr 2007, seit dem ich beide Seglerverbände, den DSV und die Royal Yachting Association bei ihrer Arbeit beobachten durfte. Bei beiden Verbänden wird Tradition groß geschrieben. Beide Verbände haben einiges zu bieten und können auf große Leistungen und Erfolge verweisen. Bei der RYA hat man den Eindruck, daß Tradition nicht reiner Selbstzweck, sondern immerwährender Ansporn für zukünftige Leistungen ist. Genau das erklärt auch, warum man dort jede Weiterentwicklung im Yachtsport aufmerksam verfolgt und fördert.

November 2016, Palma de Mallorca, 

meine erste Weiterbildung bei der RYA ausserhalb von England.

Der erste Kontakt mit Deep Blue Sea Training war erfolgversprechend. Die Buchung des „Yachtmaster Preperation Kurses“ war einfach und wurde sofort bestätigt. Günstige Flüge mit Air Berlin nach Palma waren schnell gefunden. Die Empfehlung eines Hotels in der Nähe der Segelschule war auch in Ordnung. Bei meiner Ankunft im Hafen wurde ich von Tony Stanton, dem Besitzer von Deep Blue Sea Training herzlich begrüßt. 

www.deepbluesea.training

Dem Anfang Vierzigjährigen ist die Liebe zu Sonne und Meer förmlich am freundlichen und braungebrannten Gesicht anzusehen. Da ich, wie die Engländer sagen, mein „Yachtmaster Ticket“ schon seit 2007 besitze, war ich sozusagen als Gast an Bord des folgenden Vorbereitungstörns. Die Ausbildungscrew war bunt gemischt. 

Andy, 34, aus Argentinien, segelbegeisterter Besitzer einer kleinen Yacht, mitten auf einem Bergsee in seiner Heimat, momentan auf Europareise.

Gerry, 47, Brite, Mitglied der Crew, die sich um die Instandhaltung einer bekannten Regattayacht kümmert.

Rob, 28, Spanier, Sohn eines Eigners einer großen Fahrtenyacht, der, so hatte es den Anschein, seine Segelkenntnisse mit der Teilnahme an dem Lehrgang erweitern wollte.

Die Bordsprache ist, bei all den vielen verschiedenen Nationalitäten, englisch.
Einfache Englischkenntnisse sind absolut ausreichend.

 


Info zu den verschiedenen Levels der Ausbildung und Prüfungen:

Wie auch in Deutschland wird bei der RYA das Segeln in einzelne Level unterteilt. Dabei muss man nicht, wie bei den meisten Führerscheinen in Deutschland, der Reihe nach, von unten nach oben, vorgehen, sondern kann, wie es unser  Crewmitglied Rob geplant hatte, auch aus dem Stand versuchen, ganz oben einsteigen. Am Anfang steht das Level „Dayskipper“, was in etwa dem deutschen „Sportbootführerschein See“ Level entspricht. Mit dem Unterschied, daß bei der „Dayskipper“ Ausbildung das Segeln auf einer Yacht im Vordergrund steht. Einen reinen“Motorbootführerschein“ wie den deutschen SBF See gibt es unter dem Namen „Start Powerboating“. Das nächste Level der RYA Ausbildung nennt sich „Coastal Skipper“ – etwa vergleichbar mit dem deutschen „Sportküstenschifferschein“ ( SKS ). Hier wird auf Yachthandling im Küstenbereich, wie bei einem Urlaubstörn, Wert gelegt. Die höchste Stufe ist der „Yachtmaster“ bzw. „Oceanmaster“. Das sind die Zertifikate, die weltweit für die gewerbliche Nutzung einer Yacht erforderlich sind. Etwa vergleichbar mit dem deutschen „Sportseeschifferschein“ ( SSS ) oder „Sporthochseeschifferschein“ ( SHS ).  Nur mit dem Unterschied, daß die britischen Zertifikate weltweit bekannt und anerkannt sind, die deutschen Führerscheine niemand, außer wir Deutschen, kennt.  

Über den Ablauf der jeweiligen Prüfungen werde ich später berichten.

 

Zurück zu unserm Yachtmaster Ausbildungstörn nach Palma:

Kurze Ansprache des Skippers Tony:

„Ihr befindet Euch auf einem Törn mit anschließender Prüfung zum RYA Yachtmaster. Versteht die nächsten Tage als letzte Politur, die Ihr von mir auf dem Weg zum höchsten britischen Zertifikat bekommt.  Ihr seid bereits Skipper, ich brauche Euch nicht zu erklären wie man das Boot bedient.“ Schon Tony´s erste Frage war eine Weichenstellung und trennte die Anwesenden in Skipper und solche, die es gerne wären.  „Wer von Euch hat einen Wetterbericht eingeholt?“ Andy, perfekt organisiert und genau so, wie ich ihn die ganze nächste Woche kennenlernen sollte, holte einen Notizblock hervor auf dem mit Bleistift,  fein säuberlich, die Wettervorhersage des spanischen Seewetteramtes für Mallorca notiert war. Tiefdruckgebiet über dem spanischen Festland, Kaltfront nähert sich den Balearen, heftige Regenschauer, Wind auffrischend auf bis zu 35 Knoten. Gerry und ich hatten jeweils den gleichen Wetterbericht auf dem Handydisplay, er von einer Seewetter App und ich von der Homepage des Seewetteramtes. 

Rob kam ganz ohne Vorbereitung an Bord und sah alle verwundert an. Sein Kommentar: Dafür ist unser Skipper zuständig und das ist Tony. Tony, der in den folgenden Tagen bereitwillig jede Frage ausführlich und kompetent beantwortete, stellte sich als wandelndes Nautiklexikon raus. Andy und Gerry sogen dieses Wissen förmlich in sich auf und machten sich Aufzeichnungen auf ihren allgegenwärtigen Notizblöcken. Rob zog es lieber vor, Tony´s Ausführungen nur zuzuhören uns nutzte die Zeit als Rauchpause. 

Da es beim Yachtmaster keinen theoretischen Test gibt, kann man während der Prüfungsdauer an Bord Fragen zu allen erdenklichen Themenbereichen erwarten. Schallsignale, Lichterführung, Schiffstechnik – ja sogar erste Hilfe. Alles ist möglich und die Prüfer geben keine Ruhe, sondern fragen immer und immer weiter. Im Normalfall bis an die Grenzen, an denen der Yachtmaster Anwärter keine Antwort mehr geben kann.

In meinem Fall, damals 2007, mit Fragen zur genauen Funktion und Einteilung einer Schiffsapotheke auf einem Berufsschiff.  Keine Antwort mehr geben zu können ist keine Schande – der Prüfer testet nur aus, wie weit das individuelle Wissen geht und beobachtet sein Gegenüber in dieser Stresssituation.

Mehr zum Ablauf und Ergebnis der Prüfung im zweiten Teil meines Erfahrungsberichtes.

Herzlichst Ihr / Euer 

Frank Siebenhofer